Erst Sex, dann Kennenlernen – haben wir das früher nicht genauso gemacht?
Diese Woche habe ich mich plötzlich gefragt, ob aus irgendeinem meiner One-Night-Stands jemals eine Beziehung geworden ist. Ja, richtig gelesen: Mehrzahl. Stands. Mit „s“. Und nein, dafür schäme ich mich nicht. Früher vielleicht. Heute nicht mehr. Thank God für diese kleinen Abenteuer vor der Ehe. Nicht alle waren unbedingt Samantha-Jones-aus-Sex and the City-würdig, manche eher Bridget-Jones-Kategorie – aber irgendwie haben sie alle zu der Frau beigetragen, die ich heute bin. Der eine etwas konstruktiver als der andere.
Also: Ist aus einem davon jemals eine Beziehung entstanden? Erstaunlicherweise musste ich dafür ziemlich tief in meinem Gedächtnis graben. Und ein bisschen peinlich fand ich die Erkenntnis schon, dass ich mich offenbar nicht mehr an jedes einzelne Rendezvous erinnern kann. Woran ich mich allerdings erinnere: Bei manchen hoffte ich durchaus, dass mehr daraus werden würde. Wurde es aber nicht.
Die Männer, mit denen ich längere Beziehungen hatte, habe ich alle beim ersten Date geküsst. Und wenn ich etwas genauer darüber nachdenke, bin ich ziemlich sicher, dass ich mit mindestens einem davon auch gleich am ersten Abend im Bett gelandet bin. Kann eigentlich gar nicht anders gewesen sein. Hey, it was the nineties, dear. Don’t judge.
However. Ich kam natürlich nicht völlig grundlos auf meine ehemaligen Bettgefährten. Im Internet wurde gerade ziemlich heftig über eine neue deutsche Datingshow diskutiert, bei der die Kandidaten zuerst miteinander ins Bett gehen – und sich danach erst richtig kennenlernen.
Aber mal ehrlich: Haben wir das früher nicht ständig so gemacht?
Du standest nachts um zwei in irgendeiner Bar und hast mit jemandem rumgeknutscht, von dem du höchstens den Vornamen kanntest. Manchmal nicht mal den. Am nächsten Morgen fandest du heraus, dass er noch bei seiner Mutter wohnte, Jura studierte und „eigentlich eher ein Katzenmensch“ war. Und dann dachtest du entweder: Nett, den würde ich gern noch mal sehen. Oder: Nö. Netter Sex, aber ansonsten wünsche ich dir ein schönes Leben.
Trial and error.
Wenn du heute jemanden datest, kannst du theoretisch schon vorher alles über ihn wissen: seine monatliche Hypothekenrate, seine durchschnittliche Bildschirmzeit und dass er laut Fitbit chronisch zu wenig Tiefschlaf bekommt.
Ist das besser? Macht das mehr Spaß?
Und nehmen wir mal an, auf dem Papier stimmt tatsächlich alles – aber horizontal bleibt von diesem beeindruckenden Lebenslauf nicht besonders viel übrig … Tja. Dann schaue ich mich eben eine Tür weiter um.
Vielleicht ist diese neue deutsche Datingshow also gar nicht so modern, wie sie klingt.
Vielleicht haben die Deutschen einfach das Ausgehen von 1997 neu erfunden.